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Feuerwerk über Rostock[]

Wir schreiben das Jahr 2005. Es ist September und die Sonne meint es wirklich sehr gut mit uns. Mittlerweile haben die ganzen Touristen Rostock wieder verlassen und die Einheimischen können sich wieder an den Strand wagen, ohne Angst haben zu müssen, dass sie stundenlang im Stau nach Warnemünde stehen, oder sich mit selbsternannten Strandmuschelbesitzern anlegen müssen, nur um einen klitzekleinen Platz für ihr Handtuch zu ergattern. Der Herbst sollte nun langsam beginnen, doch in mir spüre ich nur Frühlingsgefühle. Ich bin verliebt. Verliebt zum ersten Mal in meinem Leben. Also so richtig und das seit 3 Tagen.

Vor 3 Tagen lernte ich über ein einschlägiges Netzwerk Tom kennen. Er ist 3 Jahre älter als ich und wollte nicht nur das eine, sondern ein Date und ich war noch nie so aufgeregt. Klar habe ich mich schon mit anderen männlichen Wesen getroffen, aber wir hatten dann meist immer ziemlich schnell nichts mehr an und die Konversationen beschränkten sich auf ein Minimum. Vor drei Tagen sollte dann alles anders werden. Wir trafen uns in der Stadt und gingen ein Eis essen. Dazu gab es einen leckeren Karamell-Latte Macchiato und als wir fertig waren, und die Kellnerin uns bezüglich der Rechnung anschaute winkte Tom sie zu sich heran und bezahlte unsere Eisbecher und die Getränke. Das hatte ich vorher noch nie erlebt. Klar unter Freunden macht man so etwas öfter, aber doch nicht bei wildfremden Menschen. Ich war hin und weg und meine Stimmung sollte sich noch weiter steigern, als er mich bat mit ihm zu kommen. Wir stiegen in sein Auto und fuhren zu einem nahegelegenen See. In seinem Kofferraum hatte er tatsächlich eine Decke. „Liegt die da immer?“, fragte ich ihn skeptisch und er lachte nur und küsste mich, ohne mir die Frage zu beantworten. Wir gingen ein paar Minuten am Ufer entlang, bis wir einen passenden Platz fanden und die Decke ausgebreitet wurde. Wir genossen die warmen Sonnenstrahlen auf der Haut und erzählten über Gott und die Welt, während wir Händchen hielten und uns ab und zu zaghaft küssten. Tom ist gelernter KFZ-Mechatroniker mit einem ziemlich großen Faible für Autos. Da er nebenbei aber immer schon in der Eventbranche gejobbt hat, hat er eine zweite Ausbildung in der Eventbranche begonnen. Seine Schwester ist ebenfalls homosexuell. „Meine Güte, da haben deine Eltern ja gleich den kompletten Jackpot erwischt!“, entgegne ich ihm lachend, während langsam die Dämmerung einsetzt und wir uns auf den Rückweg zum Auto begeben. Noch bevor wir losfahren können, eskaliert eine wilde Knutscherei ein bisschen, doch nach einem kleinen körperlichen Feuerwerk entspannen wir uns wieder, richten unsere Klamotten und fahren los. Tom nimmt mich tatsächlich mit zu sich nach Hause. Er wohnt in einem Vorort von Rostock und ich staune nicht schlecht, als wir vor einem Einfamilienhaus parken. „Öhm, wohnst du noch bei deinen Eltern?“, frage ich ihn und Tom entgegnet mir, dass es nur vorübergehend ist. Meine Augen werden immer größer, als plötzlich eine nette Frau – gestandenen Alters- die Tür öffnet und uns begrüßt. Wow – sollte ich jetzt ernsthaft nach 5 Stunden Kennenlernen bereits seine Mutter kennenlernen? Mir wird schlecht. Doch bevor ich auch nur eine Miene verziehen kann, gesellt sich ein Mann zur Frau und legt seine Hand auf ihre Schulter, während er meinen neuen Schwarm mit den Worten „Du kommst genau pünktlich zum Abendessen nach Hause“, begrüßt.

Während ich versuche nicht die Fassung zu verlieren, verdrehe ich innerlich bereits die Augen und hoffe, dass das gerade nicht Sein ernst war, doch noch während ich die beiden mit einem freundlichen „Moin ich bin Tony“ begrüße, finde ich mich auch schon am heimischen Esstisch, gegenüber von Toms Eltern wieder und erhalte schnell ein Gedeck für meinen Platz. Während sich die Mutter mehrere Male entschuldigt, dass sie ja nur für drei Personen gekocht hätte und es vielleicht nicht reichen könnte, erfuhr ich bereits im zweiten Satz, dass Toms Vater bei der Polizei arbeitet.
In meinem Kopf drehte sich alles: Er konnte mich doch nicht ernsthaft am ersten Tag bereits seinen Eltern vorstellen? Es ist ja nicht so, als ob meine Eltern je einen meiner Freunde kennengelernt hätten, aber ich warte damit zumindest so lange, bis ich mir selbst sicher bin, dass sich etwas Ernstes entwickelt hat. So etwas hatte ich noch nicht erlebt. Aber nachdem ich erstmal begonnen hatte, mich auf die Situation einzulassen, wurde es ein ganz angenehmer Abend der durch das spätere Dessert in Form meiner ersten großen Liebe gebührend beendet wurde.

Die Tage vergingen und während wir uns täglich trafen, ich abends sogar mit seiner Mutter immer noch eine Tasse Tee trank, stellte sich so etwas wie Beziehungsalltag ein. Was für ein schönes Gefühl, geliebt zu werden, nicht mehr allein zu sein und den Atem des anderen im Nacken zu spüren, wenn man einschläft.

Nachdem ich bewusst verstanden hatte, dass ich homosexuell bin, war ich sehr skeptisch nicht der Norm zu entsprechen und hatte Angst davor „anders“ zu sein. Ich dachte es könne nicht richtig sein, aber bin ich wirklich anders? Sehnt sich nicht jeder nach jemandem, der einem das Gefühl von Geborgenheit vermittelt, einem zuhört und für einen da ist, wenn man ihn braucht? Dann ist es doch egal, wer diese Person ist, so lange sie einen glücklich macht.

Die Welt ist ein ganz wunderbarer Ort, an dem es jeder verdient hat, glücklich zu sein – egal neben wem du gern einschläfst. []

Dieser Blog wurde von mir -AML Tony- für euch verfasst. Der Blog gehört zu meiner Blogreihe „Lebensgeschichten“ und beruht auf vielen wahren Erlebnissen. Falls euch der Beitrag gefällt, lasst gerne einen Kommentar da. Viel Spaß beim Lesen.